Veröffentlicht in Leselust

…trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Blick ins Buch

… trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager von Viktor E. Frankl habe ich auf dem Bücherflohmarkt der Alt-Buch-Zentrale in Urfahr entdeckt. Ich hab mich unglaublich gefreut, weil es eines der Bücher ist, die schon lange auf meiner „noch kaufen!!“- Liste stand. Noch dazu hatte ich das Glück eine erweiterte Ausgabe zu erstehen und somit war auch das Theaterstück „Synchronisation in Birkenwald“abgedruckt. Hier findet ihr eine aktuelle Ausgabe. Die Nazi-Zeit übte schon immer eine gewisse Faszination auf mich aus. Wie kann es sein, dass so vielen Menschen die irrsinnigsten Dinge von anderen „normalen“ Menschen angetan wurden. Es geht einfach über meine Vorstellungskraft hinaus. Gerade deshalb interessierte mich die Sicht eines Betroffenen der zudem einen psychologischen Hintergrund hat.

Viktor Frankl unterteilt sein Werk selbst in drei verschiedene Phasen.

  1. Aufnahme ins Lager
  2. Lagerleben
  3. Entlassung

Phase 1 – Aufnahme ins Lager

Man „reist“ mit Frankl im Waggon mit. Erlebt Nostalgie als der Zug durch das Viertel fährt in dem er aufgewachsen ist aber auch die allgemeine Panik als unerwartet das Schild „Ausschwitz“ draußen zu sehen ist. Bei der Ankunft in Ausschwitz werden die Ankömmlinge von wohlgenährten Häftlingen in Empfang genommen. Das löst wiederum Hoffnung aus, dass die Geschichten nicht stimmen können wenn die Häftlinge hier so aussehen. Ein ständiges Auf und Ab, das sicher auch gezielt eingesetzt wurde. Nach der Trennung nach Geschlecht wird nochmals aussortiert und etwa 90% machen sich auf den Weg in die Gaskammern. Dem Rest werden die verbleibenden Habseligkeiten abgenommen und nach dem Scheren und Desinfizieren bleiben sie nackt und besitzlos zurück. Die Häftlinge haben noch nicht verstanden in welcher Situation sie sich tatsächlich befinden und behelfen sich mit Galgenhumor. Außerdem ist die erste Zeit im Lager von Neugier und Überraschung geprägt weil die Medizinbücher eben doch nicht recht haben und der Mensch um so vieles mehr überstehen kann. Viele spielen aber auch bereits mit dem Gedanken an Selbstmord. Im KZ nutzte man dafür den unter Hochspannung stehenden Zaun.

Phase 2  – Lagerleben

Viktor Frankl beschreibt wie in all dem Leid, Ekel und der immer gegenwärtigen Gewalt eine Abstumpfung einsetzt. Was einem zu Beginn noch unerträglich scheint, wird „normal“. Ob es sich um die körperliche Züchtigung eines Mithäftlings handelt oder ob man den toten Körper eines Barackenkollegen aus der Tür schleift. Um es auszuhalten schaltet man nach und nach einfach ab. Durch Schlafentzug und Hunger stirbt der Sexualtrieb vollkommen ab. Gereiztheit und der Wunsch nach Einsamkeit sind dafür umso stärker. Kultur spielt nur mehr eine untergeordnete Rolle (allerdings gibt es trotzdem zB Kabarettabende an denen auch Wachen teilnehmen), Humor aber war eine wichtige Waffe im Kampf um die Selbsterhaltung der Seele. Im Allgemeinen flieht man nach Innen. Die Träume (meist von Essen oder Wannenbädern) und Zukunftsvorstellungen werden immens wichtig. Frankl stellte fest, dass Leute die sich eine Zukunft vorstellten – egal ob es ein unvollendetes Lebenswerk oder eine geliebte Person war – eher überleben konnten als andere die über die fehlende Zukunftsvision den Sinn in ihrem Leben verloren. Diese Menschen gaben sich selbst auf und verstarben meist bald.

Die körperlichen Misshandlungen waren schwer zu ertragen aber der Hohn und die Entmenschlichung waren es die den Häftlingen am schlimmsten zugesetzt haben. Die Religion wurde zu einem wichtigen Thema im Lager und auch die politische Lage wurde heiß diskutiert, da immer wieder sich widersprechende Informationen kursierten. Als höchstes Gut betrachtete Frankl allerdings die Liebe. Er selbst führte Gespräche mit seiner Frau und die Liebe die er für sie empfand half ihm das Leben im Lager besser zu ertragen. Generell kann man sagen, dass der Sinn den man seinem Leben gibt darüber entscheidet wie und ob man eine solche Situation überlebt. Denn wenn man sich nicht bewusst entscheidet zu leben, kann man schnell den Halt verlieren und „in den Draht gehen“. Auch im Leiden kann man Sinn finden. Viktor Frankl hat sich auch immer wieder vorgestellt wie er nach seiner Befreiung auf einer Bühne steht und über die Zeit im Lager Vorträge hält – was dann auch genauso gekommen ist.

Viktor Frankl erzählt seine Erlebnisse nur in Ausschnitten und auch ohne Schuld zuzuweisen. Er schert nicht alle SS-Männer über einen Kamm und tut dies auch nicht mit den Häftlingen. Von Seiten der Lagerwachen hat er durchaus auch Freundlichkeit und Güte erlebt. Und Grausamkeit, die die der SS-Leute übertraf, von Mithäftlingen. So kam er zu dem Schluss dass es im Grunde zwei Arten von Menschen gibt. Die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen.

Phase 3 – Entlassung

Man würde erwarten, dass bei der Befreiung unbändige Freude einsetzt. Doch es herrschte Leere bei den Gefühlen vor. Man realisiert gar nicht dass man jetzt wirklich frei ist. Der Körper begann sofort das Versäumte nachzuholen. Teilweise mit stundenlangem Essen. Die Seele brauchte für das Verstehen länger. Bei vielen war das Bedürfnis zu reden extrem groß und man erwartete auch von der Welt mit offenen Armen empfangen zu werden. Leider bekamen die ehemaligen Häftlinge oft zu hören, dass man draußen ja auch gelitten habe. Sie sahen sich mit Unverständnis konfrontiert. So waren Hass und Verbitterung oft die Folge die sich manchmal auch in Gewalt manifestierte. Auch hier kann man wieder die zwei verschienen Menschenrassen erkennen.

Synchronisation in Birkenwald – Eine metaphysische Conférence

Hier handelt es sich um ein Theaterstück das erstmals unter dem Namen Gabriel Lion 1948 im „Brenner“ veröffentlicht wurde. Im Himmel diskutieren Spinoza, Sokrates und Kant darüber ob ein Mensch auch in der Hölle noch Mensch bleiben kann. Sie machen sich große Sorgen um die Zukunft der Menschheit und wollen helfen. Also beschließen sie ein Theaterstück aufzuführen indem der Zuschauer der eigentlich Wichtige ist. Durch die Ereignisse auf der Bühne wollen sie den Menschen zeigen wie man sich als Mensch richtig verhält um würdevoll zu leben und auch zu sterben…

 

Fazit

Der Einblick den Viktor Frankl hier gewährt ist besonders. Er klagt nicht an, verteufelt nicht, macht niemandem einen Vorwurf. Er erzählt relativ sachlich von den Erlebnissen in den vier Lagern in denen er interniert war. Man erlebt Verzweiflung, Hoffnung, Schmerz und gerade bei Frankl Würde und innere Stärke. Teilweise hatte ich das Gefühl er hat versucht eine wissenschaftliche Einstellung zu behalten um so etwas Abstand zu schaffen. Auf der anderen Seite waren die Beschreibungen seiner Sicht der Dinge emotional sehr berührend. Ein wirklich interessanter und erschütternder Blick in das Wesen der Menschen. Ich glaube dieses Buch kann man durchaus als Lehrbuch für mehr Menschlichkeit und Würde bezeichnen.

 

Ein ernster Hintergrund aber am Ende bleibt es ein Ansporn es ihm gleich zu tun. Überwinde das Negative in deinem Leben und wende dich deinen Träumen zu. Verwirkliche dir deine Vorstellungen von der Zukunft! Und am wichtigsten: Bleib menschlich und respektvoll.

 

♥♥♥Miss Kumarin♥♥♥

4 Kommentare zu „…trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Blick ins Buch

  1. hallo miss kumarin,
    ich finde, dass das ein unglaublich starkes und tolles buch ist. viktor frankl fasziniert mich als person unglaublich, seit ich das gelesen habe. ich hätte gern einmal persönlich mit ihm gesprochen.

    1. Da hast du Recht Fräulein Freud! Ein Mensch wie Viktor Frankl als Gesprächspartner wäre ein echtes Highlight. Stell dir mal vor welchen Einfluss er auf dein Leben haben könnte indem er einfach nur so ist wie er eben ist. Ich möchte bald seine Autobiographie lesen und hoffe auf diese Art ein tolles Vorbild für mich zu entdecken!
      Hab noch eine schöne Woche!

  2. Wahnsinn – ich bin immer wieder schockiert, wie grausam die Menschheit doch sein kann. Umso wichtiger finde ich, dass solche dunklen Flecke der Geschichte beleuchtet und immer wieder belebt werden, um die Hoffnung auf Empathie und Mitgefühl am Leben zu erhalten.
    Vielen Dank für diesen tollen Einblick in das Buch, der Titel wandert sofort auf meine „Auf jeden Fall lesen!“-Liste!
    Viele liebe Grüße!

    1. Ich freu mich dass ich deine Liste bereichern konnte! Das Beispiel das Viktor Frankl in diesem Buch vorlebt ist gerade angesichts der ganzen Gräuel umso strahlender. Viel Freude beim Lesen

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